Berufseinstieg Medizin

Vor einiger Zeit haben wir einen sehr hilfreichen Artikel veröffentlicht, für alle die jetzt mit dem Examen fertig werden. Also was alles ansteht an Approbations-Bürokratie, Ärztekammer-Anmeldung, usw. mit Telefonnummern, und Links.

Hier nochmal zum reinlesen:

Und hier der Link zu dem Approbationsantrag (für LMU / TU / Regensburg): http://www.regierung.oberbayern.bayern.de/formulare/gesundheit/appo/05048/

Servicenummer für Approbationen der Regierung von Oberbayern: +49 (89) 2176-2634

Telefonsprechzeiten: Montag, Mittwoch, Freitag:  . . . 08:00 – 11:00 Uhr

Die bayerische Landesärztekammer (BLÄK) hat auch eine eigene Seite für den Berufseinstieg.

Die Synapse wünscht einen guten Start Smiley!

Der erste Tag als Arzt – Ein Rückblick auf das Hammerexamen

Mein Fazit zu der ganzen Zeit: es war ein sehr harter und langer Marathonlauf, vor allem auf die mündliche Prüfung hin. Jetzt ist es geschafft, unsere Prüfungsgruppe hat gestern das Mündliche komplett bestanden! Wir sind fertig, und brauchen erstmal alle eine Pause bevor es mit dem Ernst des Lebens weitergeht Smiley

Das Mündliche

Während man das Schriftliche noch gut abschätzen kann – man kreuzt dazu die letzten Examina durch und schaut wieviel man richtig hatte – und eigentlich doch (heimlich) davon ausgeht dass man da bestehen wird, ist die Situation beim Mündlichen einfach völlig unberechenbar.

Es fällt keiner beim Mündlichen durch.” hört man von guten Freunden, die schon das Mündliche gepackt haben. Aber man glaubt ihnen nicht. Hat man doch gerade einen Prüfer als Prüfungsvorsitzenden, der auch gerne mal ein paar Leute über die Klinge springen lässt (d.h. ihnen eine 5+ gibt). Auch wenn die anderen Prüfer alle total nett sind, man hat Angst vor dem Ungewissen.

Die Stoffmenge ist riesig, und es muss irgendwie ganz anders gelernt werden. Für das Schriftliche hatte ich mir das PCO Syndrom nicht angeschaut, und auch so manch anderes mehr oder weniger unliebsame Thema weggelassen. Es fällt ja keinem auf!

Aber während des Mündlichen, während des Mündlichen ist es peinlich wenn man in einem Thema komplett auf dem Schlauch steht. Denkt man. Man denkt auch noch so manche anderen Sachen, zum Beispiel dass die Prüfer (vor allem die harten Prüfer) ein unglaublich feines Gespür für die eigenen Wissenslücken haben werden, und man ganz bestimmt die blöden Themen kriegen wird. Dieses Gefühl verstärkt sich noch, während man in der Prüfung drinsitzt. “Das hätte ich doch auch gut gekonnt!”

Wenn man selber dran kommt, dann schaltet das Gehirn aber auf “Notmodus”. Namen, Dinge die man geübt hat, fallen einem nicht mehr ein. Ich habe ein EKG total versemmelt vor Nervosität – hätte ich nicht gleich vorschnell aus der Hüfte “Vorhofflimmern” geschossen (waren wohl einfach nur Artefakte), und hätte mich an mein Bewertungsschema gehalten, wäre der Eindruck beim Internisten gestern vielleicht etwas besser gewesen.

Dass es nicht so gut lief denken sich alle, sogar diejenigen die mit einer (wohlverdienten!) eins bestanden haben. Ich habe eine zwei, und immer noch das Gefühl dass die Notengebung zumindest bei mir sehr sehr milde war. So einige Wissenslücken konnten bei mir aufgedeckt werden; aber auch Dinge wie dass die Milz auf der linken Seite liegt, fielen mir partout nicht mehr ein; und das bei einem sehr netten Prüfer. Man steht einfach unter Strom, bis die Prüfung vorbei ist und das Ergebnis verkündet wurde “Bestanden”.

Tipps

Meine Tipps an euch für das Mündliche:

  • Lernt vor allem gut zu präsentieren und flüssig zu sprechen, und ggf. laut zu überlegen – das kommt bei den Prüfern besser an als Schweigen
  • Nehmt euch zu trinken und zu essen mit. Wir hatten in der Prüfung nur Wasser gestellt bekommen, und das war bald alle.
  • Macht euch so gut wie es eben geht keinen Stress ob ihr besteht oder nicht – wenn einer der Prüfer sehr hart wertet, können die anderen dagegensteuern (wie bei uns wahrscheinlich geschehen, am zweiten Tag war die Notengebung des harten Prüfers auf einmal deutlich milder)
  • Einer unserer Prüfer ist mit zwei von uns aus meiner Sicht schroffer umgegangen. Leider passiert das auch; aber die anderen Prüfer merken das und versuchen da auch zu kompensieren und nette Fragen zu stellen. Nicht aus dem Konzept bringen lassen, und weiter am Ball bleiben!!

Man kann im Mündlichen nicht durchfallen.” so – jetzt darf ich es auch sagen Smiley mit geöffnetem Mund

Vier Stunden Chaos oder wie schreibe ich eine gute Epikrise?

Kurz zu meinen Eindrücken heute zur Epikrise: wir waren alle furchtbar nervös, die nette Sekretärin unseres Prüfungsvorsitzenden hat sich aber sehr herzlich um uns gekümmert. Drei von uns hatten Patientinnen auf der gleichen Station, eine auf einer anderen Station. Unser Prüfungsvorsitzender wollte um 9:00 vorbeikommen, hat es aber nicht geschafft. Also auf zur Station!

Auf Station – eine sehr schicke Privatstation in Großhadern – fragten wir drei nach den Ärzten. Ach so, wir wären die Studenten? Wir würden schon im OP erwartet. Nachdem das Missverständnis beseitigt war (nein, wir sind Prüfungskandidaten), wurden wir gebeten in der “Lounge” Platz zu nehmen, die Ärzte kämen gleich.

Eine sehr nette Stationsärztin, die sich uns mit Vornamen vorstellte nahm uns dann ins schicke Arztzimmer mit (schick, aber klein und unpraktisch: die Monitore stehen am Rand, und es ist wenig Arbeitsfläche). Sie fing uns dreien dann an, nacheinander über die verschiedenen Patienten zusammenfassend zu erzählen, als plötzlich die Tür aufging und unser Prüfungsvorsitzender reinkam.

Er begrüßte uns drei, und fragte ob wir noch etwas von ihm wissen wollten. Anschließend meinte er, dass wir uns die Fälle selber erarbeiten sollten, und es ihm auch lieb wäre wenn wir getrennt voneinander schreiben würden, also in verschiedenen Zimmern.

Nachdem er wieder weg war, hat uns die nette Ärztin aber trotzdem noch ein paar Sachen  erzählt, uns die Akten und Kurven gegeben. Und gesagt, dass sie erstmal auf Visite geht, für Fragen aber jederzeit da ist. Coole Menschen, danke dass es euch gibt!!

Die Arbeit ging los. Man hatte zu diesem Zeitpunkt noch das Gefühl, sehr viel Zeit zu haben, unsere Deadline war 13:00.

Ich fing also an die Kurve ein bisschen durchzulesen, und kopierte dann die relevanten Blätter daraus, da die Schwestern die Kurven bald wieder zurückhaben wollten. Ich las dann ein bisschen, überflugsweise, in der Akte – um zu wissen wonach ich gezielt fragen sollte, und was ich gezielt untersuchen sollte. Mein Tipp: kommt früh in die Gänge, möglichst gegen 10:00 oder früher. Die Zeit ist beim Schreiben wichtig!!

Erst um 10:30 ging ich zu der Patientin, und fing mit meiner Anamnese an. Die ärmste hatte eine Menge mitgemacht, und ich bemühte mich einfühlsam auf sie einzugehen, und empfindliche Gebiete zu meiden. Wir wurden aber immer wieder unterbrochen – mal kam die Putzfrau herein, um zu wischen, dann kam wiederum die nette Ärztin und nahm Blut ab. Sie hatte auch eine Nachricht: noch am selben Tag sollte die Patientin auf eine andere Station verlegt werden (wegen einer Durchblutungs-Problematik mit dem Fuß). Ich war noch mitten in der körperlichen Untersuchung, die sich auch recht chaotisch gestaltet hatte, als eine zickige Krankenschwester hereinkam (vielleicht hatte es ihr nicht gefallen, dass ich sie geduzt hatte?), die sagte dass “das Wohl des Patienten über die Prüfung geht”. Ich solle mich beeilen, und schnell fertig werden. Eine Stationsassistentin die mit ihr gekommen war, erhielt die Anweisung die Sachen der Patientin einzupacken. Das in dieser Atmosphäre des Zeitdrucks, ständig reinkommenden und anwesenden Personen eine gute körperliche Untersuchung durchzuführen schwierig ist, versteht sich. Zudem die Patientin auch noch nicht so kräftig war, und ich sie nicht belasten wollte, und daher z.B. die Lungenauskultation nicht lege artis sondern eher lege inventibus durchgeführt habe. Die Mamma auszutasten habe ich mich nicht getraut, obwohl es evtl. von mir erwartet wird. Auch andere Dinge habe ich nicht oder nur oberflächlich gemacht. Die poplitea pulse stehen bei mir als tastbar drin, ich habe aber im Stress NICHTS tasten können.

Der Zeitdruck hier hatte aber auch sein gutes!!! Trotz zu Hause vorgefertigtem Muster (also den Überschriften der Epikrise), blieb mir nur noch sehr sehr wenig Zeit zum Schreiben. Ich habe diese Zeit total unterschätzt.

Um 11:30 war ich mit der Patientin fertig. Allerdings habe ich danach bis 12:00 aus der Akte kopiert. Völlig unnötig!! Mein Tipp: kopiert nicht, sondern nutzt die Akte, so wie sie ist. Diese halbe Stunde wird euch später wirklich fehlen.

Ich fing Kaffee-trinkend an, relativ gemütlich, aber doch konzentriert, zusammenzuschreiben, habe auch zugegeben ein ganz kleines bisschen mit der Stationsärztin geratscht (ich war in dem Arztzimmer zum Schreiben). Man sollte natürlich nicht in Hektik verfallen, aber … auf die Zeit achten.

Auch hier der Tipp: nehmt euren eigenen Laptop, und USB Stick mit! Stellt sicher dass Laptop und Stick funktionieren, und ihr das Netzteil vom Lappie dabeihabt. Macht euch eine rohe Vorlage, die ihr dann einfüllt. Ihr könnt euch wirklich zeitmäßig nicht leisten, dass ihr nicht am Rechner arbeiten könnt wenn die Ärzte etwas nachschauen oder dgl. Nehmt Ohrstöpsel mit, damit ihr ruhiger arbeiten könnt. Nehmt was zum Essen mit. Der Hunger lenkt ab.

Kurz vor 13:00 war ich immer noch mittendrin. Alle Mitprüflinge übringens auch. Wir waren alle mehr oder weniger gestresst und in Panik, und hatten das Gefühl nie fertig zu werden. Ich rief die Sekretärin des Prüfungsvorsitzenden an, und sie meinte dass die andere von uns auch schon angerufen hätte. Eine halbe Stunde konnte ich mit ihr aushandeln.

Doch diese halbe Stunde reichte auch nicht. Meine Patientin hatte eine sehr komplexe Geschichte, viele Untersuchungen, etc. Kurz vor Ende habe ich dann massiv an der Qualität gespart, und den Verlauf der Patientengeschichte mehr oder weniger frei improvisiert zusammengekürzt. Definitiv nicht auf normalem Arztbriefniveau, aber ich hatte keine Zeit mehr! Die nette Stationsärztin diktierte mir noch schnell die Medikamente herunter, ich druckte das Dokument auf der Station aus, dann sprinteten eine weitere Prüfungs-Kollegin die auf mich gewartet hatte und ich zur Sekretärin los. Diese goldige Seele war sehr geduldig mit uns, obwohl wir schon um fast eine dreiviertelstunde überzogen hatten. Sie liess die anderen noch ein bisschen korrigieren, während ich versuchte sie durch Gespräche abzulenken.

Schließlich war alles gedruckt und unterschrieben. Keiner von uns hatte ein gutes Gefühl (außer der Sekretärin Zwinkerndes Smiley). Allen war die Zeit zu knapp gewesen. Wichtige Befunde waren nicht gleich aufzutreiben, vieles musste weggelassen werden.

Manches wollte man auch weglassen, um nicht darüber befragt zu werden. Aber es kam darauf die Unsicherheit hoch – und was, wenn die Prüfer die Akten durchlesen? Egal. Man hatte geschrieben was man geschrieben hatte, und abgegeben.

Ich hätte mit zwei – drei Stunden mehr definitiv noch viel mehr herausholen können. Aber die hat man eben nicht.

Und Gott sei Dank ist heute Freitag, nicht Prüfungstag. Ich kann von dem Adrenalinhoch wieder ein bisschen herunterkommen, und mich jetzt dann auf die Vorbereitung auf Montag konzentrieren. Es wäre der reinste Horror jetzt noch eine Prüfung mitmachen zu müssen … mit kaum einer Pause.

So viel für heute. Ich melde mich dann wahrscheinlich am Dienstag wieder …

Der erste Schrittmacherpatient

1958 wurde weltweit der erste Herzschrittmacher durch den schwedischen Herzchirurgen Åke Senning implantiert. Er hatte ihn zusammen mit dem Ingenieur Rune Elmquist entwickelt. Der damalige Patient Arne Larsson überlebte dank der Erfindung übrigens die beiden Wissenschaftler. Er starb, nachdem er in 24 chirurgischen Eingriffen fünf Elektrodensysteme und 22 Impulsgeneratoren von elf verschiedenen Schrittmachermodellen erhalten hatte, 2001 schließlich an Krebs.

Quelle: Pflegewiki

Kleines Tagebuch: am Abend vor der Epikrise (Mündliches Staatsexamen 2)

Ich fühle dass meine Wissenslücken immens sind, habe nach den spärlichen Informationen die wir bisher von dem Prüfungsvorsitzenden bekommen haben wenig Plan, wie die Epikrise die er sich wünscht sein soll. Ich bin mir unsicher, was ich alles bei dem Patienten / der Patientin die wir morgen bekommen werden, untersuchen soll – vor allem mit meinem Wahlfach Gynäkologie, als Mann (vaginale Untersuchung hat der Vorsitzende ausgeschlossen, aber was ist mit der Brust? Ich habe das in meinem PJ nicht gemacht, nur zugeschaut.)

Schaffe ich es, wirklich die komplette Anamnese, Untersuchung, und eine gute Epikrise in vier Stunden hinzukriegen? Was ist wenn es Druckerprobleme gibt? (Das klingt ziemlich nervös, wie ich das schreibe. Würde ich rauchen, würde ich mir jetzt wahrscheinlich eine anzünden. Ich fröne stattdessen meinem Schwarzer-Tee-mit-viel-Zucker Laster)

Die Aussicht auf Tag 1, bei uns der 7. Mai nach dem Wochenende, ist für mich dagegen heiter – ich bin zuversichtlich, dass ich über das Wochenende noch zu allen Aspekten des Patienten mir genug Stoff reinpressen kann …

Leider ist der 8. Mai bei mir momentan ziemlich mit Unbehagen besetzt. Ja, ich habe mir viel angeschaut in den zwei Wochen seit dem schriftlichen. Viel rausgeschrieben, manches sogar mit Diktiergerät “abgefragt”. Natürlich nicht so viel wie ich gerne gewollt hätte – aber dafür ist man nach dem Schriftlichen auch zu ausgebrannt … Aber reicht das, was ich mir angeschaut habe? Manche zentrale Themen, wie z.B. das Mamma-Karzinom, das Ovarialkarzinom, usw. habe ich überhaupt nicht gelesen. Die Innere habe ich stiefmütterlich behandelt, einfach aus dem Grund weil “alles” drankommen kann – ich habe da keine so schöne Liste wie bei Uro, das ich fast komplett abgedeckt habe.

Außerdem wechselte bei uns letzten Donnerstag der Urologie-Prüfer. Wir erfuhren davon erst, nachdem wir nochmal telefonisch nachbohrten bei der Prüferin (eine nette Dame, die jedoch auch per Mail kurz hätte zurückschreiben können … unnötiger Stress für uns). Der Urologie Prüfer scheint ein sympathischer Mensch zu sein, der seinen Stoff auch – tausend Dank sei ihm gesagt – studentenfreundlich eingeschränkt hat. Der einzige der uns direkt sehen wollte. Mit dem Innere-Prüfer hatte ich ein Telefongespräch, der Chirurgie-Prüfer hat uns einige Infos per Mail geschickt (diese Liste habe ich auch bearbeitet). Alle drei scheinen sehr umgänglich zu sein, und die Studenten nicht reinreiten zu wollen, gemäß den Protokollen. Aber der Gynäkologe — er kann sehr ins Detail gehen bei seinen Fragen, deckt quasi die ganze Gynäkologie ab (leider nicht nur Reproduktionsmedizin …), er ist also eine unberechenbare Größe. Wie eigentlich alles an der mündlichen Prüfung … die Termine sind das einzige woran man sich momentan festhalten kann. Panik, Panik!

Mündliches – die Vorbereitung dafür läuft ganz anders als für das Schriftliche. Beim Schriftlichen hat man doch irgendwie die gelbe Reihe, die kreuzelfragen, und man steht auch nicht blöd da wenn man mal ein Thema komplett auf “lücke” ausklammert. Habe ich bei vielen Dingen so gemacht, die mir lerntechnisch nicht wirklich liegen. z.B. die Geburtslagen. Ich kann mir sowas wirklich nicht merken! Wird sich das jetzt volle Kanne rächen??

Es heißt, “keiner fällt durch das Mündliche durch”. In den Protokollen gibt es selten mal einen solchen Studenten; mir geht es momentan einfach nur um das Bestehen, und nicht nochmal Lernen müssen – ich will so langsam aber sicher einfach nicht mehr, ich will Freizeit, und Leben. Andere Dinge machen, Synapse layouten z.B., ohne Schuldgefühle einen Film anschauen, einen Stapel Bücher lesen, und vor allem endlich Arzt sein, und nicht mehr Student.

Glaubt mir, ich bin eher ein Beispiel für einen Studenten der wirklich zu wenig weiß, und nicht ausreichend vorbereitet ist, in diesem Moment. Als einer der wahnsinnig viel gebüffelt hat, und sich Sorgen macht ob er die 1 verfehlen könnte …

Drückt mir die Daumen für Montag, ich schreibe dann am Dienstag wie es gelaufen ist … und ob meine Sorgen berechtigt waren.

Post-Hammerexamen – Impressionen

Es ist hinter mir. Sowohl der letzte Tag des schriftlichen Examens als auch die obligatorische Party danach, in einer 24 Stunden-Schicht!

Über 5000 Fragen habe ich während der vier Monate gekreuzt, gefühlt tausende von Wikipedia Einträgen gelesen, hochgerechnet 500 Stunden gelernt, gekreuzt, mich über spitzfindige Fragen aufgeregt, über witzige Antwortmöglichkeiten gelacht, … und dem Examen entgegengefiebert.

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Die letzten Tage vor dem Stex waren irgendwie unwirklich. Man hatte sich schon an das Lernen gewöhnt, daran kaum mehr Freizeit zu haben. Die Tage verschwammen ineinander, einen wirklichen Wochenrhytmus kannte ich schon seit Dezember nicht mehr (ich hatte geshiftet).

Man hat sich also aus dem Bett gequält, fährt mit einem randvoll mit Schokolade, Getränken und Glücksbringern befüllten Rucksack nach Germering heraus. Extra früh, damit ja nichts schiefgeht. Die uns mit allerlei Gummibärchen und Werbung auflauernden Hostessen elegant durch die Hintertür umgangen, wartet man und macht sich gegenseitig noch nervöser als man schon ist … es stellt sich raus, man kann keine Rucksäcke nach Innen mitnehmen. Plastiktaschen, die von einem sympathisch-wachsamen Aufseher durchgeschaut werden (“Das ist schon OK, ich habe vorhin reingespitzelt”) sind hingegen erlaubt. Zum Glück gibt es aber da eben diese Hostessen – die haben am ersten Tag kleine, süße Papiertüten mit Bananen, Äpfeln und Ärzteschlümpfen bepackt (mit der obligatorischen “Name und e-Mailadresse auf unseren Verteiler eintragen”-Postkarte). Diese Tüten sind auf einmal sehr begehrt.

Ich hatte Glück – da es in den letzten Tagen sehr geregnet hatte, habe ich nebst einem kleinen zusammenklappbaren Schirm vom Typ Knirps eine für ihn vorgesehene Plastiktüte dabei. Schnell ist die ganze Nervennahrung umgepackt, samt Glücksschwein, Taschentüchern, Aspirin und Loperamid, und Stiften die wir sowieso nicht benutzen dürfen.

“Nur die Regierungsbleistifte und Radiergummis sind erlaubt.”

Bereits während des ersten Tages geht meinem Regierungsbleistift “der Saft” aus – ich schreibe die Mine leer die darin verblieben war. Das Glücksschwein und die vor mir aufgetürmten Zuckerwarenberge schauen mir beim Kreuzen und Rätseln zu. Ein gutes Gefühl habe ich nicht wirklich, bei vielen, viel zu vielen Fragen muss ich mich zwischen zwei verdammt ähnlichen Optionen entscheiden. A oder C? B oder E? Und dann gibt es noch die Aufgaben, wo nichts richtig zu sein scheint.

Ich vermeide es, gleich nachzuschauen ob ich gut oder schlecht abgeschnitten habe an diesen Tagen. Ich gebe einfach mein Bestes, soviel wie ich lernen konnte, habe ich gelernt. Irgendwann muss Schluss sein. An den Nachmittagen mache ich nichts medizinisches (Facebook und Green Acres). Und wenn es am Ende wirklich nur auf einen Punkt ankommt, dann habe ich es nicht verdient dieses Examen zu bestehen.

Viele Dinge werden mir in den nächsten Tagen wieder vertraut vorkommen, die verschiedenen Risikofaktoren für Endometrium-Carcinom vs. Mamma-Ca vs. Zervix-Ca vs. Ovarial-Ca hatte ich mir angeschaut. Aber während des Examens verlässt einen die absolute Sicherheit die man meint zu brauchen – man gerät ins Raten. War es so herum, oder doch anders? Auch die zotigen Merksprüche, die man sich so aufbaut helfen nicht immer.

Dieser Stress während des Examens, und das Gefühl nicht genug gelernt zu haben, sind ganz normal. Fast jeder Student mit dem ich in diesen Tagen spreche, ist nervös, spricht über unfaire und unerwartete Fragen, darüber dass man Durchhänger hatte und die letzten Tage schlecht gelaufen waren – das gehört dazu. So wie bei Künstlern, die sich vor der Premiere Hals- und Beinbruch wünschen.

Je weiter die Zeit im Examen voranschreitet, desto schwieriger wird die Bearbeitung der Fragen. Wenn man von seinen Toilettengängen wiederkommt, kann man die Luftverschlechterung deutlich merken – mein Luftqualitätssensor hätte jetzt sicherlich “Bad Air Quality” geschrien und Werte jenseits von 4000 angezeigt … tja, auch schlecht dass ich zwischen Stuhl und Gymnastikball abgewechselt hatte beim Lernen. Am ersten Tag tut mir das Kreuz vom langen Sitzen weh. Essen, baden und danach ins Bett …

“Der Kollege hat einen hohen Frischluftbedarf”, mit diesem Satz kommt der freundliche Aufseher am Eingang meiner Bitte nach durchlüften am zweiten Tag nach. Während des Examens sind allerdings die Türen zu, die Fenster mit Vorhängen verhängt. Ich vertreibe mir die Zeit, wenn ich wieder eine “unkonzentrierte Phase” habe – und derer kommen viele – aus dem Fenster zu schauen, meine hübschen Mitstundentinnen anzuschauen, zu raten ob draußen gerade eine Hundeschulung von der hübschen Blondine durchgeführt wird, und mir alle möglichen Methoden zu überlegen wie man sich unbemerkt austauschen könnte. Unsichtbare Schrift auf der Toilettenwand unter UV-Licht, versteckte iPhones hinter dem Klokasten, Morsekodes durch Hundestreicheln und mehr gehören zu den absurden Ideen mit denen ich mich motiviert halte. Wirklich täuschen möchte ich nicht – als zwei Studenten sich mit leiser Stimme über eine Frage austauschen (“ich habe CMV angekreuzt.” “Ich auch”) bleibe ich bei meinem Edwards – Syndrom, obwohl ich gerade bei dieser Frage sehr geschwankt hatte. Ich betrüge nicht, und das zahlt sich aus – Trisomie 18 Edwards ist die richtige Antwort.

Ein älterer Mitstudent – er hatte vorher Ingenieurswissenschaften studiert, und gearbeitet – vermittelt mir eine Weisheit die mich durch Tag zwei und drei bringt: Die Fragen sind absichtlich so gestellt, dass man nicht alle Informationen hat, manchmal überfordert wird, oder Dinge liest von denen man noch nie gehört hatte – im späteren Arztleben wird es auch so sein, dass man manchmal schnelle Entscheidungen mit ungenügenden Informationen treffen muss. Auf das Gefühl kommt es an, vieles wird während dem Examen und später aus dem Bauch heraus entschieden. Man sollte sich überlegen, auf was wollen sie eigentlich hier hinaus? Und oft springt einen die Antwort dann direkt an. Nicht alle Fragen sind fies gestellt, manchmal reagiert man da zu übersensibel und verunsichert durch “Fallen”-Fragen. Ein Herzinfarkt darf auch mal klassisch in den linken Arm ausstrahlende Schmerzen machen.

Der letzte Tag kommt … und irgendwann ist es wirklich vorbei. Meine Blase drückt, ich war diesmal bis zum Schluss in dem Prüfungsraum geblieben. Während der letzten halben Stunde ist “Ausgehverbot”. Schlecht, wenn man nichts zu tun und vor sich eine reiche Auswahl an Getränken hat …

Noch am gleichen Tag hole ich meine Protokolle ab, gehe zu der ersten Fachschaftssitzung des Semesters (wo ich für die Synapse natürlich wieder kräftig die Werbetrommel rühre) und lande auf der Mediziniparty. Danke, Alex! Aber das ist eine andere Geschichte – feiern gehört dazu, auch wenn ich erst heute morgen hundemüde die Auswertung des Examens machen kann. Mit über 70 % habe ich bestanden. Eine solide drei – so hatte es sich während der Prüfung definitiv nicht angefühlt.

Wünscht mir Glück für das Mündliche, bald bin ich Arzt!

Endspurt

Das ist die erste der beiden wahren Geschichten, die im Frühjahr 2012 gewonnen haben – die Redaktion konnte sich zwischen den beiden nicht eindeutig entscheiden.

Endspurt

„Endspurt“ lese ich und denke, fuck, das kann doch nicht so schwer sein. Endspurt kann viel sein und Peter Murphy dröhnt aus den Laptopboxen, Up in arms/Up and tight/Memory go/A backwards sight, und ich trinke einen Schluck Wasser aus der zu oft befüllten Adelholzner-Flasche, wenigstens passt die Aufschrift „still“ noch.

Also Endspurt – klingt nicht nach einem besonders guten Wort, aber klingt vertraut. Endspurt ist eher etwas Negatives, denke ich, ja, etwas grundsätzlich Negatives, alles geben im letzten Moment, Scheiße Mensch, warum gibst du erst jetzt alles? In Anbetracht der Lage überdenkst du erneut deine Leistungsbereitschaft und zeigst etwas mehr von deinem wahren Ich. Lebst du sonst auch nur 60%, pokerst du auch so – manche würden sagen, ohne Eier, Junge – und erst am Ende, wenn du geschlagen bist, dann gehst du all-in, sozusagen dein all-out, dein verzweifelter Versuch das Steuer rumzureißen und 100% zu leisten. Ich glaube, wenn du es erst dann versuchst, schaffst du es erst recht nicht mehr. Übernimm dich nicht, Kind.

Oh man, so geht das nicht, die Leute wollen unterhalten werden. Vor ein paar Minuten sagten Trent und Peter, So we changed the mood, und vielleicht haben sie ja Recht und dann später Joy Division, Don’t turn away in silence. Das war eben kein schönes Vorspiel, es war hart und roh, sozusagen literarische ultraviolence. Das ist gut, Themawechsel ausgeschlossen, aber das Setting ändern. Also weniger negativ, weniger denken. Ich ändere die Musik zu „ our good ol‘ friend Ludwig van“ – ganz nach ultraviolence – und gehe in die Küche. Ich bin allein in der WG, sehr gut, ich gehe zurück in mein Zimmer und stecke die richtigen Boxen in den Laptop und drehe auf. Zurück in der Küche, der dreckigen Küche mit dieser verkackten Fritteuse, die nur Frittenbuden-Flair in die Luft wirft, schaue ich mich um. Ah fuck, das wird auch nicht besser hier, das sind auch keine 100%. Danke Spiegel. Gegen den falschen Spiegel kann man allerdings was tun. Ich nehme mir ein Whisky-Glas und gehe in mein Zimmer zurück, die Musik bleibt laut, vielleicht hindert sie mich am negativen Denken, am Denken überhaupt. Red Label kommt ins Glas, dazu brackiges Wasser, das geht sich so aus.

Neuer Versuch, Endspurt ist gut. Mantra-artig bis dann endlich, Spurt klingt wie Sport, beides läuft auf Rennen hinaus, haha. Ich war nie besonders gut in Sport, außer dass ich ein passabler Handballspieler war und ein mittelprächtiger Sprinter, aber das passt ja auch irgendwie zusammen. Sprinten ist immer Endspurt, alles geben von Anfang an, doch im Vergleich zu dem Endspurt kurz vor dem lang ersehnten Ziel, wenn deine Muskeln schreiend brennend reißen drohen, ist der Sprint kontrolliert. Kontrolle ist besser, besser als gewagtes Ausbrechen. Obwohl das ja irgendwie alles-geben widerspricht. Alles-geben im Sinne von alles riskieren, auch wenn man vielleicht stürzt. Das wäre natürlich schlecht.

Schlecht ist auch, dass es das dritte Glas ist, das soeben leer gegangen ist. Ich schenke nach, weniger Wasser.

In Endspurt steckt auch Ende, Ende so wie aus und vorbei und Ende wie Ende Neu. Ludwig spielt auch nicht mehr, aus und vorbei. In der Stille sitze ich und trinke noch einen weiteren Schluck und denke nach und lausche vergangenem Nachhall. Memory go. Wann ist es wirklich still? Scheiß Endspurt, denke ich, negative Dinge denke ich. A backwards sight. Still war es als Frau M. starb. Ich habe sie gehasst, aber ihr Tod war ein Erfolg für sie und ich habe mich gefreut. Ich war nicht allein. Es gibt den Endspurt auch in die andere Richtung, am nächsten Tag wären ihr unendlich Anstrengungen zuteil geworden. Verlegung auf Intensiv um 9 Uhr morgens, aber sie ist in die andere Richtung gelaufen, ist uns in der Nacht entwischt. Hat sie gut gemacht, haben wir gesagt. Ich habe den rauschenden Sauerstoff ausgemacht und ihr die Plastikmaske vom Kopf gezogen, die Gummischnüre haben tiefe dunkelrote Täler in tote Haut gepresst, dann habe ich ihre Augen geschlossen. Wir waren zufrieden. Wir haben ihr die paragelaufene Nadel gezogen und den Urinkatheter entfernt. Wir haben sie sauber gemacht und sie dann mit einem frischen Laken bedeckt. Der Kopf blieb frei. Wir haben gelächelt. Es war eine gute Nacht. Im frostigen Morgengrauen standen wir zu zweit im Rauch einer Zigarette auf der Dachterrasse und es hat ein Stückchen weniger gefroren. Dies war eine gute Nacht, die Nacht ist vorbei und wir alle sind einmal der versuchten Vergewaltigung entkommen. Wir werden nicht mehr seelisch ausgebeutet. Sie ist uns entkommen und irgendwann hoffe ich auf das gleiche. Auf einen letzten Endspurt treffen wir uns dann an meinem Krankenbett in der Onko oder steht ihr neben meinem zerschellten Autowrack. Wenn ja, dann feuert mich bitte an, auf dass ich schneller laufe, als die weißen Kittel und blauen Kittel sich mit mir um die Wette drehen können.

Endspurt ist also nicht grundsätzlich schlecht, aber auch sicher nichts Fröhliches. Ich denke zurück an den Schulsport und frage mich, Seit wann sind wir nicht mehr rein und unschuldig, Was ist passiert, dass wir mit dem Tod lachen können? Oder ist das gut so und gewollt? Wer hat wen bei unseren täglichen Endspurten zurückgelassen, als er rücksichtslos nach vorne geprescht ist? Egal. Ich habe Mitleid verloren. Zu oft haben sie Raubbau an meiner Grundsubstanz betrieben, tagelang und nächtelang, diese Menschen, diese vegetierenden Noch-nicht-Sterbenden, die sich nicht trauen ihren letzten Weg zu sprinten, die nur an uns zehren, uns konsumieren. Egal.

In der Flasche ist noch zwei Finger breit dunkles Gold und setzte sie an. Endspurt, dann weiterleben. Einfach so. 31.1.12

Hier gibt es noch mehr von dem Autor (Manuel Kolb – elmo auf dem Blog) zu lesen